Anne ist gelernte Kinderkrankenschwester und seit über 20 Jahren in der ambulanten Krankenpflege tätig. Als ihre Tochter weiß ich, wie kräftezehrend und wenig beachtet ihr Beruf ist. Im Frühjahr 2022 habe ich sie mit meiner Kamera bei der Arbeit begleiten dürfen und ganz persönliche Einblicke erhalten: 
Ihre Patienten Helga und Arnold leben schon weit über 40 Jahre in ihrer Wohnung im Stadtzentrum von Rostock. Die Fenster im dritten Stock sind mit leichten Vorhängen zugezogen, an den Wänden hängen unzählige Bilder von Kindern und Enkeln. Gesammelte Mitbringsel und Kuscheltiere umrahmen die Couch. Das Wohnzimmer wird von einem ausladenden Pflegebett dominiert, in dem Arnold die meiste Zeit des Tages verbringt. Seine Beine kann er ohne Hilfe und Rollator kaum alleine voreinander setzen. Er ist an Demenz erkrankt und erlitt vor einigen Jahren einen Herzinfarkt, der seinen rechten Arm lähmte. Seine Frau Helga pflegte ihn mit Unterstützung ihrer Töchter viele Jahre allein. Nun fällt es ihr selbst schwer, die Treppen zur Wohnung empor zu steigen und den Alltag allein zu stemmen. Unterstützt wird sie nun täglich von dem  Pflegedienst, in dem meine Mutter arbeitet.
Ihre Arbeit beschreibt Anne trotz der körperlichen Belastung und des hohen Stress-Levels als sehr erfüllend. Es habe sich ihr nie die Frage gestellt, was sie alternativ machen könne. Wenn die Patienten nach ihrem Besuch ein bisschen glücklicher als vor ihrem Kommen sind, ist sie zufrieden. „Man gibt seine Kraft nicht raus, ohne dafür etwas zurück zu bekommen.“ Insofern sei es ein sehr dankbarer Beruf.
Schwierig sieht sie die allgemeine Situation in der Krankenpflege. Oft würden die Patienten nur als wirtschaftlich interessantes Projekt angesehen, aus denen möglichst viel Geld rauszuholen ist. Dadurch gerate das Menschliche in den Hintergrund und die Pflegekräfte unter enormen Zeitdruck.
Gerade an Demenz erkrankte Menschen brauchen Zeit. Sie wollen erzählen, nicht alleine sein. Anne beschreibt es so: Damit sie noch einen erfüllten Alltag haben, dürfe man sie nicht ständig mit ihrem Vergessen konfrontieren, sondern auf ihre Bedürfnisse eingehen. Auch wenn es sich wiederholt, müsse man akzeptieren, dass Erlebtes immer wieder erzählt wird, sollte zuhören und nicken, immer eine Tür offen halten, die tröstet. Zum Beispiel mit den Worten: „Ich komme morgen wieder und dann erzählen Sie weiter.“ Damit die Patienten es nicht gleich wieder vergessen, schreibt sie es groß auf einen Zettel: “Ich bin morgen wieder da!“
Am Beispiel von Helga und Arnold möchte ich deutlich machen, wie wichtig die ambulante Pflegearbeit ist. Sie ermöglicht es kranken und alten Menschen, so lange wie möglich selbstbestimmt im gewohnten und privaten Umfeld (bei ihren Angehörigen) zu leben. Wenn das Pflegepersonal ständig unter Zeitdruck am persönlichen Limit arbeitet, kann der Anspruch an die eigene Arbeit nur mit Abstrichen einhergehen. Faire Bezahlung und ein ausgewogenes Zeitmanagement sollten Priorität haben um der alternden Gesellschaft weiterhin Lebensqualität zu ermöglichen.
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